30 Tipps, wie du deine FMEA garantiert in den Sand setzt

Dr. Martin Reger

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Dr. Martin Reger

Veröffentlicht am

18.8.2026

QM im Feuerwehr-Modus

In einem Unternehmen könnt ihr Qualität auf zwei Wegen leben und erleben: Entweder bestimmt ihr eigeninitiativ und proaktiv über die Qualität eurer Produkte und Prozesse. Oder ihr kümmert euch erst dann darum, wenn die ersten Probleme auftreten. In diesem Fall befindet ihr euch direkt im „Fire-Fighting-Modus“ und müsst Brände löschen, die sich an Kundenreklamationen und internen Beschwerden entzünden.

Leider treffe ich in meinem Arbeitsalltag auf viele Unternehmen, die in eben diesem reaktiven Modus gefangen sind und der Qualität ihrer Produkte und Prozesse hinterherlaufen. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig: Einerseits liegt es an mangelnden Ressourcen und knapper Zeit, andererseits auch an dem Mindset, man könne Qualität ja später noch „nachholen“. Nämlich dann, wenn der Kunde danach „schreit“.

Das Zauberwort lautet: proaktives Qualitätsmanagement

Dabei wäre es so viel einfacher, wenn Unternehmen von vornherein an die Qualität ihrer Produkte und Prozesse denken würden. Genau das hat die proaktive Qualitätssicherung im Sinn. Eines der wichtigsten Werkzeuge dieser Art der Qualitätssicherung ist die sogenannte Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse, kurz: FMEA.

Im Rahmen der FMEA deckt ihr mithilfe eines strukturierten Ansatzes in einem interdisziplinären Team frühzeitig Fehlermöglichkeiten von Prozessen und Produkten auf und vermindert so Fehlerrisiken. Idealerweise wird die FMEA als ein lebendiges, zentrales Know-how-Dokument im Unternehmen behandelt.

Zugegeben: Die anfängliche Erstellung einer FMEA erfordert ein gewisses Maß an Aufwand und Expertise. Im Vergleich zu den Kosten einer Reklamation sind sie jedoch deutlich geringer. Benötigt also jedes Unternehmen zwingend eine FMEA? Ich sage: Nein, ein Muss ist es nicht. Aber Unternehmen, die bewusst darauf verzichten, müssen die Konsequenzen in Kauf nehmen, die sich aus schlechter Qualität ergeben.

Was haben Sonnencreme und Qualität gemeinsam?

Da wir uns aktuell in der Urlaubszeit befinden, bediene ich mich eines Sommervergleichs: Wer ans Meer fährt, sollte sich vor dem Sonnenbaden ordentlich mit Sonnenschutz eincremen. Aber musst du dich wirklich eincremen, wenn du gerade einfach keine Lust darauf hast? Klar, einige Personen verbrennen in der Sonne schneller als andere. Das bedeutet jedoch nicht, dass du auch gezwungen bist, dich einzucremen. Nur beschwere dich nicht, wenn du am Ende mit einem ordentlichen Sonnenbrand dastehst.

Was hat das Ganze nun mit schlechter Qualität zu tun? In beiden Szenarien bist du hinterher schlauer. Denn spätestens nach deinem ersten Sonnenbrand und nach deinem ersten Produktrückruf weißt du, warum du zukünftig auf Sonnencreme – und auf proaktives Qualitätsmanagement – setzen wirst.

30 Anti-Tipps, mit denen deine FMEA garantiert misslingt

Viele Qualitätsverantwortliche sind „gebrannte Kinder“: Sie wissen aus Erfahrung ganz genau, dass es sinnvoll ist, in Tools zur proaktiven Qualitätsplanung zu investieren.
Damit du von ihnen lernen kannst, ohne dich dabei selbst zu verbrennen, habe ich 30 Profi-Tipps aufgeschrieben, wie du eine FMEA besser nicht angehst. Meine Tipps helfen dir, solltest du auf deiner internen Mission für proaktives Qualitätsmanagement auf Widerstand stoßen.

  1. Du erstellst die FMEA, weil die Kundin/der Kunde es will – nicht, weil du es sinnvoll findest.
  2. Du erstellst die FMEA, nachdem das Produkt entwickelt wurde.
  3. Du investierst lieber in teure FMEA-Software als in hochwertige Inhalte.
  4. Du denkst, die Software allein macht die Qualität deiner FMEA aus.
  5. Du lässt die FMEA von einer einzelnen Person im Alleingang erstellen.
  6. Du legst die FMEA nach Erstellung in die Schublade und wirfst nie wieder einen Blick darauf.
  7. Du sorgst dafür, dass Reklamationen nicht in die FMEA einfließen.
  8. Du siehst keinen Sinn in zyklischen Reviews der FMEA.
  9. Du sparst an einer guten FMEA-Moderation.
  10. Du nutzt exzessiv KI, um die FMEA schnell zu befüllen.
  11. Du speicherst die FMEA in einem Format, das niemand öffnen kann.
  12. Du legst die Datei auf deinem persönlichen Laufwerk auf C:/ ab.
  13. Du löschst die Maßnahmen, die schon zweimal verschoben wurden.
  14. Du benennst die Datei FMEA _Final_Final_V2_new.xls.
  15. Du formulierst Funktionen als Anforderungen und definierst deren Nichterfüllung als Fehlerart.
  16. Du rechnest weiter mit RPZ, obwohl die Norm sie längst hinausgeworfen hat, und vertraust voll auf deine magische Grenze.
  17. Du lässt dein Team die Bewertung kleinreden, bis nichts mehr über der Grenze steht.
  18. Du kopierst eine alte FMEA in ein neues Projekt und schreibst das aktuelle Datum drauf – merkt doch eh keiner.
  19. Du lässt die FMA ausschließlich von Mitarbeitenden erstellen, die das neue Produkt/die neue Maschine geplant haben.
  20. Du kaufst nur eine FMEA-Softwarelizenz, um Geld zu sparen.
  21. Du benennst keine Verantwortlichen, damit niemand einem anderen an den Karren fahren kann.
  22. Du formulierst möglichst allgemeingültig, um weniger Punkte abarbeiten zu müssen und Inhalte leichter per Copy-Paste wiederverwenden zu können.
  23. Du glaubst, dass eine gute FMEA automatisch ein gutes Produkt ergibt.
  24. Du verlässt dich blind auf die FMEA. Dinge, die dort nicht drinstehen, passieren auch nicht.
  25. Du siehst Synergien, wo kein anderer sie sieht, und nutzt die FMEA-Software für die FTA gleich mit.
  26. Du bist der beste Einspar-Experte der Firma: Jede Maßnahme, die Kosten verursachen könnte, schließt du kategorisch aus.
  27. Du hast eine Hands-on-Mentalität und deine Allround-Maßnahme ist die Mitarbeiterschulung. Die geht immer und kostet nichts.
  28. Du involvierst das Management nicht, denn die haben schon genug zu tun.
  29. Du führst die FMEA nur widerwillig durch, denn jemand muss es schließlich tun.
  30. Du hast immer einen Würfel dabei, um die Bewertungen im Zweifel auszuwürfeln und dir kritische Bewertungen und lästige Diskussionen zu ersparen.

Wenn du diese Tipps befolgst, fährst du die FMEA garantiert gegen die Wand und spielst deinen internen Kritiker:innen direkt in die Hände. Wenn du aber aus meinen Vorschlägen zum Scheitern die richtigen Schlüsse ziehst, gelingt dir die FMEA mit Erfolg.

Idealerweise machst du sie zu einem integralen Bestandteil eures Qualitätsmanagementsystems. So stellst du sicher, dass Änderungen und neuer Input regelmäßig ihren Weg in die FMEA finden. Und damit gehört dein Unternehmen zur absoluten Königsklasse!

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