Zu viel des Guten? Warum unnötige Freigabestufen dich ausbremsen

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Regina Haar

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1.7.2026

Verlaufen Änderungen und Verbesserungsvorschläge regelmäßig im Sande, suchen viele die Schuld zunächst beim Managementsystem. Dann heißt es: zu bürokratisch, zu unübersichtlich, zu kompliziert. Dabei kann das Tool selbst rein gar nichts dafür. Der wahre Grund ist erstaunlich banal: Es gibt zu viele Freigabestufen.

Mehr Freigabestufen lösen kein Qualitätsproblem. Sie zeigen eins auf.  

Freigaben haben ihren festen Platz in jedem funktionierenden Managementsystem. Besonders dort, wo Änderungen echte Auswirkungen haben auf Sicherheit, Compliance, Kund:innen oder Produktion. Ganz ohne Freigaben geht es also nicht. In vielen Organisationen sind sie jedoch eher aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus entstanden als aus echter fachlicher Notwendigkeit.

So bilden sich Set-ups wie diese:

  • „Für alle Fälle“: drei, vier, fünf Freigabestufen
  • „Erst einmal abwarten“: Mehr Verzögerung durch jede zusätzliche Schleife
  • „Führungskraft muss draufschauen“: Entscheidungen wandern mehrere Hierarchieebenen nach oben

Mit Qualitätssicherung hat das nicht mehr viel zu tun – es ist Stauverwaltung.

Bürokratie-Irrsinn statt kontinuierlicher Verbesserung

Je mehr Freigabestufen ein Vorschlag durchlaufen muss, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass genau das passiert, was eigentlich verhindert werden sollte: Das System wird geschwächt und verliert an Wirkung.

  • Die Mücke wird zum Elefanten
    Aus einer kleinen Anpassung wird plötzlich ein Vorgang, der sich wie ein Projekt-im-Projekt anfühlt. Was fachlich in einer Stunde geklärt wäre, braucht aufgrund der vielen Freigabeschleifen Tage oder Wochen.
  • Keine Lust auf Mitmachen
    Wer weiß, dass eine Änderung durch mehrere Instanzen laufen muss, überlegt sich zweimal, ob es sich lohnt, überhaupt etwas anzustoßen. Gute Ideen finden so gar nicht erst Gehör.  
  • Entscheidungen aus dem Elfenbeinturm
    Je weiter ein Vorschlag die Berichtskette nach oben wandert, desto stärker entscheidet die Position im Unternehmen, nicht die Fachkompetenz. Oft ohne Kenntnis der prozessualen Folgen.
  • Schattenprozesse entstehen
    Not macht erfinderisch: Wenn offizielle Änderungen zu lange dauern, finden Teams andere Mittel und Wege. So entstehen improvisierte und undokumentierte Prozesse, die niemand mehr überblickt.
  • Drückeberger-Dokumentation
    Um den Abstimmungsaufwand zu umgehen, wird lieber gar nicht erst dokumentiert. Inhalte werden zudem bewusst vage formuliert, sodass alle zustimmen können. Klarheit und Relevanz im Managementsystem? Fehlanzeige!
  • Ideenstau statt Lernkultur
    Wenn Änderungen zu lange brauchen, findet kein gegenseitiges Lernen statt.
    Best Practices fließen nicht ins System ein. Sie bleiben in einzelnen Köpfen stecken und gehen irgendwann verloren.

Praxis-Check: Wenn Freigaben zum Nadelöhr werden

In einer Umfrage auf LinkedIn wollte ich im Januar 2025 wissen: „Wie lange dauert es durchschnittlich, bis eine Prozessänderung freigegeben und kommuniziert ist?“  

Das Ergebnis aus 77 Stimmen:

  • weniger als eine 1 Woche: 18 %
  • 1-4 Wochen: 27 %
  • 4-12 Wochen: 18 %
  • mehr als 12 Wochen: 36 %

Mehr als ein Drittel wartet länger als drei Monate auf eine Prozessänderung. Eigentlich undenkbar in einer Welt, in der sich Anforderungen, Prioritäten und Rahmenbedingungen immer schneller verändern.

Beim Blick auf die Anzahl der Freigabestufen sieht es nicht unbedingt besser aus:

  • 1 bis 2 Freigabestufen: 55 %
  • 3 bis 4 Freigabestufen: 36 %
  • 5 bis 6 Freigabestufen: 5 %
  • > 7 Freigabestufen: 5 %

Zwar gibt über die Hälfte der 121 Umfrageteilnehmer:innen an, nur eine bis zwei Freigaberunden drehen zu müssen. 41 % der Befragten haben dagegen drei oder mehr Stufen zu überwinden. Ab drei Stufen handelt es sich in der Praxis selten noch um Qualitätssicherung und Freigabestufen werden zur Innovationsbremse.

Ursachen verstehen: die häufigsten Denkfehler

Hoch, höher, hierarchisch

Viele Freigabeketten wirken, als hätte man das Organigramm einfach in einen Workflow übersetzt: Alles muss möglichst weit nach oben getragen werden. Hinter diesem Muster stecken oft der Wunsch nach persönlicher Absicherung, unklare Rollen oder fehlendes Vertrauen.

Nach dem Motto: Viele Köche verderben zwar nicht zwangsläufig den Brei. Aber falls doch, bleibt die Verantwortung dafür nicht an einer einzelnen Person hängen.

Das Problem: Hierarchie allein ist kein Qualitätskriterium. Prozessnähe schon. Doch die bleibt auf der Strecke, wenn alle Änderungen über den Schreibtisch der obersten Führungskraft laufen müssen. Diese besitzt zwar Autorität, aber nicht zwangsläufig das für die Entscheidung benötigte Praxiswissen.  

Hierarchische Freigabeschleifen produzieren zwar auf dem Papier Sicherheit, gehen jedoch zulasten von Geschwindigkeit, Agilität und Ownership.

Der Knackpunkt: fehlende Prozessverantwortung

Ein Freigabeschleifen-Wildwuchs ist oft ein Symptom dafür, dass es keine klare Prozessverantwortung gibt. Denn wenn nicht definiert ist, wer eine Änderung freigeben darf, werden einfach alle gefragt, die in irgendeiner Form involviert sind.  

In der Praxis schafft das neue Probleme: Was, wenn vier von fünf Personen zustimmen – und eine nicht? Schon landet man in einer Sackgasse.  

Ein wirksamer Hebel liegt daher nicht in zusätzlichen Kontrollinstanzen, sondern in klaren „Spielregeln“. Wer diese sauber definiert, braucht in der Regel deutlich weniger Freigabestufen und erzielt bessere Ergebnisse.  

Mit weniger Instanzen und klareren Rollen zum Ziel

Ganz ohne Freigaben geht es im Arbeitsalltag nicht. Die Lösung lautet daher: durchdachte Freigaben. Sie sollten so tief wie möglich und nur so hoch wie nötig angesetzt sein und dort stattfinden, wo ...

  • die Fachkompetenz sitzt.
  • die Auswirkungen verstanden werden.
  • die Verantwortung wirklich getragen wird.

Eskalationsstufen sollten nur bei strategischer, rechtlicher oder finanzieller Relevanz erklommen werden – nicht „aus Prinzip“. Da Freigabestufen oft nicht aus einem echten Bedarf, sondern aus Unklarheit entstehen, lösen sich viele Schleifen in Luft auf, sobald festgelegt ist, wer entscheidet, wer informiert werden muss und wer fachlich (nicht juristisch) haftet.  

Transparenz statt Wartezimmer

Klare Rollen und Verantwortlichkeiten sind das eine. Ebenso wichtig ist ein System, das Prozesse sichtbar macht. Denn von Mitarbeitenden eingereichte Änderungen, die still und leise im Unternehmensorbit verschwinden, sorgen über kurz oder lang für Frust.  

Damit ein „Es tut sich was“-Gefühl von Beteiligung eintritt, muss ein System (z. B. eine Prozessmanagement-Software) die Rädchen sichtbar machen, die sich im Hintergrund drehen:

  • Was befindet sich aktuell in Prüfung?
  • Wer ist verantwortlich?
  • Bis wann wird eine Rückmeldung erwartet?
  • Warum wurde eine Freigabe erteilt oder abgelehnt?

Transparenz ersetzt zwar keine Entscheidung, aber sie sorgt dafür, dass diese nachvollziehbar wird. Das reduziert Widerstände oft wirkungsvoller als eine weitere Freigabestufe.

Die eigentliche Frage: Willst du Beteiligung oder willst du Ruhe?

Ein lebendiges Managementsystem profitiert davon, dass Menschen sich einbringen. Prozesse werden hinterfragt, verbessert und an neue Anforderungen angepasst. Wissen wird geteilt, Erfahrungen fließen zurück ins System. Genau das macht kontinuierliche Verbesserung aus.

Wenn Freigabeketten aber darauf ausgelegt sind, Veränderungen zu vermeiden, entsteht ein ruhiges, jedoch lebloses System. Verbesserungen dauern ewig, die Beteiligung nimmt ab und das Managementsystem entfernt sich immer mehr vom Alltag. Und damit ist wirklich niemandem geholfen.

Wer Beteiligung will, muss Freigaben so gestalten, dass sie nicht zur Eintrittsbarriere werden.

Angst vor „Sodom und Prozess-Gomorrha“?

Wer weniger Freigabestufen vorschlägt, stößt nicht selten auf das Totschlag-Argument: „Wenn wir das lockern, bricht Chaos aus!“ Die ehrliche Antwort darauf: Wenn in deiner Organisation durch weniger (nicht keine!) Freigaben ein Durcheinander entsteht, liegt das eigentliche Problem an anderer Stelle. Um dem auf den Grund zu gehen, hilft es, sich folgende Frage zu stellen:  

Verhindern die zusätzlichen Freigabestufen tatsächlich Chaos oder verdecken sie es lediglich?

Denn weniger Freigaben erschaffen kein Chaos: Sie machen sichtbar, wo es schon vorher ruckelte. Sichtbarkeit ist der erste Schritt, um diese Unordnung aufzuräumen.

Best Practice: zwei Freigabestufen reichen oft

Wie sieht ein idealer Freigabeprozess aus? Und wie viele Stufen sind sinnvoll? Eine pauschale Antwort gibt es leider nicht. Aus unserer Erfahrung in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen hat sich jedoch ein Set-up bewährt: zwei Freigabestufen. Jede weitere Instanz erzeugt keine zusätzliche Qualität, sondern bloß Wartezeit.  

Stufe 1: Inhaltliche Freigabe

  • Ziel: Inhaltlicher Check
  • Zentrale Frage: Ist der Inhalt fachlich korrekt?
  • Verantwortliche Person: In der Regel Prozessverantwortliche, Fachexpert:innen oder Teamleitung  

Stufe 2: Formelle Freigabe

  • Ziel: Saubere Prozesse gewährleisten
  • Zentrale Frage: Erfüllt die Änderung die formalen Vorgaben und Richtlinien des Managementsystems?
  • Verantwortliche Person: QMB bzw. QM-verantwortliche Person oder eine zentrale Stelle mit Überblick über das Managementsystem

Zwei Freigabestufen – mehr braucht es in den meisten Fällen nicht. Schlank genug, um die Beteiligung nicht zu bremsen, und gleichzeitig robust genug, um regulatorische und normative Anforderungen einzuhalten.  

Mini-Checkliste: Sind deine Freigaben zu aufgebläht?

Wenn du dir unsicher bist, ob deine Freigaben noch Qualität sichern oder bereits zur Bürokratie beitragen, hilft ein kurzer Realitätscheck.

Was davon trifft auf deine Organisation zu?

  • Selbst kleine Prozessänderungen benötigen regelmäßig mehrere Wochen bis zur Freigabe.
  • Mitarbeitende haben das Gefühl, dass es sich nicht lohnt, sich einzubringen.
  • Änderungen werden lieber informell geklärt, anstatt offiziell dokumentiert.
  • Eine Person, die selbst nicht am Prozess beteiligt ist, muss „zur Sicherheit“ trotzdem freigeben.
  • Es gibt mehr Freigabestufen als echte fachliche Prüfungen.
  • Prozesse sind bewusst vage gehalten, damit bloß niemand widerspricht.
  • Es ist unklar, wer eine Prozessänderung eigentlich freigeben darf.
  • Verbesserungsvorschläge bleiben liegen, weil niemand entscheiden möchte oder kann.

Wenn du hinter mehrere Punkte ein Häkchen setzen kannst, lohnt sich ein genauer Blick auf dein Freigabe-Set-up.  

Ein gutes Managementsystem braucht Kontrolle.  
Ein lebendiges Managementsystem braucht Beteiligung.

Die Kunst besteht darin, beides miteinander zu verbinden und Menschen dabei zu unterstützen, Prozesse gemeinsam zu verbessern.

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